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Der Diesel und die Angst vor Veränderung

(Peter Bukor, 28.2.2018)

 

Februar 2018. Kaum ein Thema beherrscht die Medien, wie die Entscheidung aus Leipzig und die drohenden Fahrverbote für Dieselfahrzeuge.

Gestern war es noch die Angst vor einem Nordkorea-USA Atomkonflikt. Vorgestern die Angst vor der Flüchtlingswelle, Angst vor Übergriffen, Selbstmordattentätern. Angst vor der GroKo, vor einem politischen Wandel.

Die Deutsche Welle schreibt Anfang Februar: “German Angst- immer mehr Deutsche bewaffnen sich”.(1)

Und der Focus zitiert die Mittelbayerische Zeitung:

"Die Deutschen sind keine Nation der Mutigen, im Gegenteil, der Ausdruck "German Angst" ist international zum stehenden Begriff geworden.“ (2).

Die spezielle deutsche Angst ist wohl nur ein Mythos, aber die Ängste sind real und vielfältig

Angst vor Altersarmut trifft auf Angst vor Aktienanlage.

Angst vor Digitalisierung trifft auf Angst vor unzureichendem Datenschutz. 

Und das nicht nur in Deutschland, und auch nicht erst seit diesem Jahr.

 

Woher kommt die Angst?

 

Angst ist etwas evolutionär verankertes. Sie schützt uns vor Tod und Verletzungen, sie bewahrt uns vor Übermut, vor Dummheiten und vor dem Eingehen unnötiger Risiken. Sie bewahrt uns vor Verlust und Zerstörung. So weit so gut.

Wären da nicht die unangenehmen Gefühlsregungen, die mit Angst verbunden sind, „Gelähmt oder Zittern vor Angst“. Krankmachende Angst, bis hin zu Phobien und Psychosen, die sich auf die Seele schlagen. (Angst fressen Seele auf…)

Verlustangst, Versagensangst, Angst vor Verletzung, Höhenangst, Angst vor Spinnen…

Es gibt eigentlich nichts, wovor wir keine Angst haben können.

 

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann nennt als eine der menschlichen Grundängste die „Angst vor Veränderung“. (3)

 

Und jetzt der Diesel…

Millionen von Autofahrern werden enteignet. Autos verlieren drastisch an Wert. Pendler kommen nicht mehr an ihre Arbeitsplätze und alles wird ganz furchtbar – zumindest wenn man sich die Schlagzeilen zu Herzen nimmt. Es gibt reale Ängste, aber der Großteil wird geschürt und damit wird die Angst unrealistisch aufgebläht!

In meiner Familie gibt es zwei Dieselfahrzeuge. Und ich muss auch regelmäßig in Großstädte fahren.

Soll ich jetzt Angst haben? Hab ich aber nicht!

So, Schluss jetzt!

Unsere  Firma heißt Kubus-Lebensfreude und wenn ich das Firmenmotto beherzige, dann schreibe ich jetzt nicht weiter über Angst, sondern über Strategien, wie ich Ängste, Bedenken, Probleme reduzieren kann. Lösungsansätze gibt es genug.

 

Hier ein Beispiel mit 7 Punkte Plan:

 

Meine Veränderungsstrategie zum Thema Angst

 1.   Analyse

Wie bin ich betroffen? Bin ich akut bedroht? Was kann schlimmstenfalls passieren? Kann ich etwas an der Situation ändern? Wenn ja, was? Und zu welchem Preis? Soll ich meinen Diesel PKW verkaufen? Jetzt, wo die Preise fallen? Oder sitze ich das Ganze erst einmal aus? Und warte ab. Wenn ich die Situation nicht ändern kann, macht es dann Sinn mich darüber aufzuregen? Nein, macht es nicht.

 

2.     Wie äußert sich die Angst?

Bin ich in Schockstarre verfallen, oder fehlen mir nur die Worte? Schlägt sie mir auf den Magen? Geht mir an die Nerven und zermürbt mich? Bin ich wütend? Raus aus dem Gedankenkarussell! Seien Sie achtsam mit sich.

Versuchen Sie die  Konzentration auf ein anderes Thema zu lenken. Entspannen Sie.

Oftmals hilft es schon aufzustehen und ein paar Meter an der frischen Luft zu gehen. Lassen Sie andere Eindrücke an sich heran. Genießen Sie, lenken Sie sich ab.

 

3.     Welches Verhalten lege ich an den Tag?

Je nach Charakter und Erfahrung gehen wir unterschiedlich mit Ängsten und Bedrohungen um. Vom Fluchtinstinkt (Diesel verkaufen, sofort!) bis hin zum Leugnen (ignorieren und ausblenden). Verdränge ich? (mir passiert schon nichts) oder rede ich mir das Risiko künstlich klein? Übertreibe ich es mit meinen Bedenken? Habe ich mich bereits mit der Opferrolle abgegeben, oder arbeite ich bereits an Strategien?

 

4.      Alternativen

Gibt es welche? Wenn ja, wie realistisch ist deren Umsetzung?

„Nicht jeder hat das Geld, um sich jetzt ein neues Auto zu kaufen“. Wenn Sie jetzt nicht weiter nach Alternativen suchen, entscheiden Sie sich schon für die Opferrolle.

„Die da oben sollen sich was einfallen lassen…“ Dito, Opfer.

Nochmal: Gibt es Alternativen? Denken Sie auch das Undenkbare!

Arbeiten Sie an verschiedenen Bewältigungsstrategien!
(mehr hierzu im Stressmodell von Richard Lazarus auf Wikipedia oder im Buch (4))

 

5.     Akzeptieren Sie die Herausforderung

Manchen Ängsten, manchen Themen muss man sich einfach stellen.

Auch wenn es eine gewaltige Challenge ist. Das Gefühl, wenn Sie es geschafft haben ist viel

wertvoller, als der Verdruss, wenn Sie aufgeben.

 

6.      Akzeptieren Sie, dass eine Veränderung ansteht

Seien Sie sich bewusst, dass eine Veränderung nicht sofort zu einem besseren Ergebnis führen muss. Unter Umständen müssen Sie Geld und Energie aufwenden. Unter Umständen dürfen Sie sich von liebgewonnenen, alten Gewohnheiten verabschieden, erst einmal trainieren, üben oder sich anpassen.

Akzeptieren Sie, dass die Situation – wenn sie Punkt 5 angegangen sind – anschließend nicht mehr die gleiche ist.

Vielleicht (anfangs) ein wenig schlechter, wahrscheinlich aber um einiges besser!

Besser vor allem dann, wenn Sie aktiv die Veränderung durchgeführt haben.

 

7.      Sehen Sie das Positive

 Unter dem Begriff „reframing“ versteht man in der Psychologie die Umdeutung oder auch Neurahmung. Also die Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel. Ein beliebtes Beispiel hierfür ist der Unfall mit dem Porzellanteller: Nicht der Verlust des Tellers wird beklagt, sondern eine positive Botschaft wird ausgesprochen:  „Scherben bringen Glück!“

 


Positiv Denken…alles Augenwischerei, Schönfärberei?

 

Nicht wenn es Teil der Bewältigungsstrategie ist!

Lassen Sie uns das abschließend noch einmal mit dem Diesel betrachten:

 

 

Das drohende Aus für den Diesel? Was bitte kann daran positiv sein?

 

Stellen Sie sich einmal für einen Moment vor, wie es in ein paar Jahren aussehen könnte, wenn Sie in eine (vielleicht fremde) Großstadt fahren. Sie müssen sich nicht mühsam durch den Stadtverkehr quälen, vorbei an besetzten Parkplätzen und überfüllten Parkhäusern. Keine Ampelblitzer und Radarfallen, kein stop and go…Nein.

Sie parken Ihr Auto auf den neuangelegten und üppig dimensionierten Park&Ride Parkplätzen am Stadtrand, nehmen ein Taxi, oder nutzen die (kostenlosen) Pendelbusse die im 10 Minuten Takt fahren, steigen in Strassenbahn, U-Bahn oder die bereitgestellten Carsharing Fahrzeuge, oder Sie nehmen sich ein Leihfahrrad  (ja, auch E-bikes)… Sie sind genauso schnell und deutlich stressfreier am Ziel, tun vielleicht nebenbei noch etwas für Ihre Gesundheit und für die Luftreinheit…

 

Wäre das nicht eine nette Vorstellung? 


Und schon ist das Thema nicht mehr ganz so dramatisch, und die Veränderung nicht mehr so bedrohlich.

In diesem Sinne: Sehen Sie ruhig mal das Positive, auch wenn es nicht auf den ersten Blick sichtbar ist!            

 

 

 

     

 

 

Zum Autor:

 

Peter Bukor, Jahrgang 1967 ist Mediator, zertifizierter Coach (univ.) und Trainer für Teams und Einzelpersonen in Veränderungssituationen. Seine Schwerpunkte hat er auf Change Management, Kommunikationspsychologie und das Coaching von Menschen gelegt, die nach schweren Erkrankungen wieder zurück in das Arbeitsleben möchten.

 

Neben den Einzelcoachings bietet er Teamtrainings und Seminare für Unternehmen an.

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

Bild: www.pixabay.de cc0 public domain

 

(1) 4.2.18 http://www.dw.com/de/german-angst-immer-mehr-deutsche-bewaffnen-sich/a-42407354

 

(2) 8.2.18 https://www.focus.de/politik/deutschland/so-kommentiert-deutschland-groko-wenn-die-spd-jetzt-noch-nein-sagte-waere-sie-verrueckt_id_8433728.html

 

(3) Fritz Riemann: Grundformen der Angst: Eine tifenpsychologische Studie, Ernst Reinhardt Verlag 1986

 

(4) Tobias Knecht: Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus, Grin Publishing 2012